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Der Kreis Heinsberg mit seiner Gemeinde Gangelt gilt als Epizentrum für die Ausbreitung des Coronavirus. Ausgangspunkt war eine Karnevalsveranstaltung Mitte Februar, bei der sich bereits früh viele Bürger mit dem neuartigen Virus angesteckt hatten. Für eine Forschungsgruppe um den Bonner Virologen Professor Hendrik Streeck bot die Gemeinde deshalb das perfekte Setting, um mehr über das Infektionsgeschehen zu erfahren und vor allem das Dunkelfeld nicht erkannter Fälle aufzuhellen. Dies ist anhand eines metho­disch anspruchsvollen Designs auch gelungen. Die wichtigsten Erkenntnisse der nahezu repräsentativen Stichprobe sind:

  • Es wurden fünfmal mehr Menschen (15,5 Prozent der Probanden) mit SARS-CoV-2 infiziert, als bisher durch die offiziell berichteten Zahlen bekannt war.
  • 22 Prozent der Infizierten berichteten über keinerlei Symptome.
  • Die Infektionsraten unterscheiden sich nicht nach Alter und Geschlecht: Das Infektionsrisiko ist für Kinder und Erwachsene gleich groß.
  • Teilnehmer an der Karnevalssitzung hatten ein zweieinhalbfach erhöhtes Infektionsrisiko gegenüber Nichtteilnehmern. Unter den infizierten Karnevalisten waren nur 16 Prozent symptomfrei, bei den Nicht­teilnehmern waren es 36 Prozent. Das kann als Indiz dafür gewertet werden, dass die Viruslast bei Ver­sammlungen in engen Räumen mit lautem Sprechen und Singen erhöht ist.
  • Der Anteil der Verstorbenen an der errechneten Gesamtsumme der Infizierten (sogenannte Infection-fatality-rate, IFR) lag zwischen 0,29 und 0,45 Prozent.
  • Das Risiko, sich bei Infizierten im selben Haushalt anzustecken, lag bei 43,6 Prozent (Zweipersonenhaus­halt) bzw. 35,5 Prozent (drei Personen) und 18,3 Prozent (vier Personen).

Für den Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein, Dr. med. Frank Berg­mann, sind die Ergebnisse der Heinsberg-Studie ein Beleg dafür, dass die bisherigen Kontaktbeschrän­kungen richtig waren und Vorsicht weiter notwendig ist. In einem Statement zu den heute von Bund und Ländern beschlossenen Lockerungen warnt er deshalb vor Schnellschüssen: „Ich bin skeptisch, ob die Zeit schon reif ist für eine umfängliche Entwarnung, als die viele Menschen in unserem Land die jüngsten Ent­scheidungen verstehen werden. Einige mögen angesichts der kolportierten Zahlen sogar annehmen, dass sie etwa als asymptomatischer Fall die Corona-Infektion bereits durchgemacht und Immunität erworben haben – das ist menschlich nachvollziehbar, aber medizinisch nicht wahrscheinlich.“

„Die Pandemie ist noch nicht überstanden“

Auch wenn die Zahlen der Bonner Wissenschaftler nicht repräsentativ für ganz Deutschland sind, helfen die Erkenntnisse bei der Bewertung weiterer Maßnahmen zur Kontrolle der Infektionsentwicklung doch weiter. Die vielen unerkannten und asymptomatischen Fälle lassen den Schluss zu, dass sich das Virus trotz sinkender offizieller Zahlen weiterhin in Deutschland verbreiten wird. „Wenn die Infektionsraten bei Kindern genauso hoch sind wie in anderen Altersklassen, kann bei der Öffnung von Kitas und Schulen auf Schutzmaßnahmen nicht verzichtet werden. Sollte sich die Bedeutung der ausgestoßenen Virus­last für Infektion und Krankheitsverlauf bestätigen, impliziert dies Zurückhaltung bei der Lockerung von Veranstaltungsverboten in geschlossenen Räumen und bekräftigt den Nutzen von Maßnahmen, welche die Übertragung größerer Tröpfchen vermeiden, z. B. Mund-Nasenschutz und sog. Community-Masken“, betont Bergmann.

Professor Streeck und sein Team haben auch die Wirksamkeit des Elisa-Tests von EUROIMMUN unter die Lupe genommen. Das Testen der Bevölkerung auf Immunität anhand dieses Antikörpertests können sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht generell empfehlen. Für lokale Hotspots könnte es allerdings sinnvoll sein.

Das vollständige Statement finden Sie auf:

https://www.kvno.de/60neues/2020/pm_corona_lockerungen/index.html

Ergebnisse der „Heinsberg-Studie“ veröffentlicht:

https://www.uni-bonn.de/neues/111-2020

Praxisinfo: Themen unter anderem Heinsberg-Studie, Pneumokokken-Impfstoff und Arzneimittelausgaben (PDF, 400 KB)